Trainingszeiten:

 

Dienstag: DKFZ - Wirtschaftshof 18:30 - 20:30 (vorwiegend Anfänger)

Sonntag: PSV-HD Karatehalle 18:30 - 20:30 (vorwiegend Fortgeschrittene)

Ansprechpartner Dr. Richard Hermann Email Tel: 06221 480077

 

                 

 

 

Kyudo

 

der Weg des Bogens

 

die Kunst des japanischen Bogenschießens

 

 

 

     1   Kyudo in Japan

 

Seit über 2000 Jahren wird das Bogenschießen in Japan ohne Unterbrechung praktiziert und ist die älteste Form des traditionellen Budo („Weg des Kriegers“, Oberbegriff für die japanischen Kriegskünste). Japan ist dadurch eines der wenigen Länder der Erde in denen eine kontinuierliche Bogenschießtradition über Jahrhunderte erhalten blieb.

Außer den Schießformen für Training, Wettkampf und Demonstration (Mato - Standardschießen, Enteki bzw. Toshiya  -  Weitschießen, Kazuya und Koshiya  -  historische Formen, Yabusame  -  zu Pferd) kommt in Japan die Grundform des Bogenschießens, auch heute noch, in Zeremonien vor (Sharei und Jarei  -  Neujahrsschießen, Meigen  -  Glücksschießen, Hikime  -  Geistervertreibung).

 

 

     2   Historische Aspekte im Kyudo, die verschiedenen Ryu (Schulen)

 

Kyudo ist eine sehr alte aber, wie sie derzeit gelehrt wird, auch eine junge Kunst. Nach den frühen Anfängen (siehe oben) entstanden bereits im Mittelalter verschiedene Schulrichtungen des japanischen Bogenschießens.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Japan, nach einer vorhergehenden Vernachlässigung im Zuge der Modernisierung des Landes, die alten Kampfkünste wiederbelebt und auch in den Schulen eingeführt. Damals entstand eine neue Form des Kyujutsu, in die Aspekte des Sports und der Zeremonie mit eingeflossen sind.

Seit dieser Zeit werden zwei Kyudohauptrichtungen weiter praktiziert:

     -    Der Schomenstil (zentrales Heben des Bogens) als standardisierte Form. Bei dieser Schießform wird, durch die höfischen Einflüsse der Ogasawara - Ryu (13. Jh. in Kanagawa), die Formengestaltung und die Bewegungsharmonie betont, was prägend für das offizielle Kyudo von heute wurde.

     -    Die Heki - Ryu (15. Jh. in Mie) pflegt bis heute die Schamenform (zielgerichtetes Heben des Bogens). Diese Schule schließt direkt an die Linie der Samurai an. Die überlieferte Technik wurde nicht verändert, sondern wissenschaftlich erforscht und gelehrt. Dieser Schule gehören auch die meisten deutschen Kyudo - Schützen an.

 

 

     3   Kyudo in Deutschland

 

Seit September 1969 wird Kyudo in Deutschland offiziell praktiziert. Damals trafen sich, eher zufällig, zwei japanische Delegationen mit Vertretern der beiden Kyudo - Hauptrichtungen in Hamburg. Darunter war auch Inagaki Genshiro Yoshimichi (1911 - 1995) der 1971 die erste japanische Professur für Kyudo an der Pädagogischen Universität Tokyo erhielt, und in den darauffolgenden Jahrzehnten die deutsche Kyudolandschaft entscheidend prägte.

Seither sind in vielen Städten Kyudogruppen, mit bisher mehr als 1000 Mitgliedern, entstanden, die im Deutschen Kyudo Bund (DKyuB) organisiert sind. Dieser ist Mitglied in der Europäischen Kyudo Föderation (EKF) und über diese in der All Nippon Kyudo Federation (ANKF).

 

Obgleich Kyudo, seit Herrigels eindrücklicher Darstellung (siehe unten) im Westen als „die Zenkunst“ gilt, blieb das praktische Interesse an Kyudo bisher eher gering.

 

     4   Was ist das Besondere an der Kyudo - Schießtechnik (Heki Schule) ?

 

Die Ausrüstung und Schießtechnik weisen im Kyudo einige Besonderheiten auf:

     Der Kyudobogen (Yumi) wird nach dem Vorbild des mittelalterlichen japanischen Kriegsbogens hergestellt. Die traditionellen Bögen bestehen aus einem Bambus – Holz Laminat das innen und außen mit Bambusspleißen abgedeckt ist. Daneben gibt es robuste Glasfiber-  oder Carbon - Laminatbögen, sowie Mischformen. Der Yumi ist ein Langbogen ohne Zielhilfen, von ca. 2,25 cm Länge, mit einem Zuggewicht von ca. 10 - 20 kg. Er wird mit der Sehne auf ca. 15 cm Höhe aufgespannt.

Der wichtigste Unterschied zu anderen Bögen ist die Asymmetrie: Der Pfeil wird nicht in der Bogenmitte, sondern zwischen unterem und mittleren Drittel abgeschossen.

     Der Kyudopfeil wird traditionell auch aus Bambus hergestellt. Vorwiegend werden aber ca. 100 cm lange Aluminiumpfeile verwendet. Es gibt drei Pfeilarten: Makiwarapfeile ohne Befiederung (kurze Distanz: 2 m), Matopfeile (Standarddistanz: 28 m) und Entekipfeile (Langstreckenschießen: 60 m).

     Der Kyudohandschuh (rechte Hand) wird aus Leder hergestellt und hat einen verstärkten Daumen, mit einer quer über die innere Wurzel verlaufenden Kerbe.

 

Die Schießtechnik wird hauptsächlich durch die Asymmetrie des Bogens bedingt:

Der Bogen wird mit einem speziellen Griff (Tenouchi) mit der linken Hand gefasst. Der Pfeil wird eingenockt und liegt auf der linken Daumenwurzel des Schützen. Die Sehne wird in die Daumenkerbe des Handschuhs eingehängt. Danach wird der Bogen auf die volle Pfeillänge gespannt, so dass die Sehne hinter dem rechten Ohr des Schützen, und der Pfeil an seiner Wange anliegt.

Durch gezieltes Einsetzen der Muskelspannung im Rücken und im übrigen Körper sowie durch gleichzeitiges Drücken und Drehen der linken und gegensätzliches Drehen der rechten Hand wird nun der Schuss ausgelöst. Das Auslösen wird also nicht passiv (durch loslassen der Sehne), sondern aktiv herbeigeführt.

Während des Abschusses dreht sich der Bogen aus der Pfeilflugbahn heraus und der Pfeil wird dadurch frei in der Luft beschleunigt. Der Bogen kann so „auslaufen“ und sich um fast 360° in der Hand des Schützen drehen.

Durch die aktive Abschusstechnik wird die Pfeilgeschwindigkeit (ca. 200 km / h) und somit die Durchschlagskraft enorm gesteigert.

 

 

     5   Training im Kyudo, wie geht das vor sich ?

 

Der Schüler (Kyujin) übt die Grundtechnik zuerst mit einem „Gummibogen“.

Ist er so weit, dass er sich und andere durch die Bogenhandhabung nicht mehr verletzt, wird er, unter Anleitung, die ersten Pfeile auf ein Makiwara (Übungsziel aus Stroh) abschießen. Das Makiwaraschießen wird danach weiterhin zur Fehleranalyse- und Korrektur gebraucht, auch von Fortgeschrittenen und Meister.

Ist der Kyujin, nach weiterem Üben, so weit dass er die Schießfolge (Hassetsu) gut beherrscht und die Pfeile auch geradeaus fliegen wird er, wieder unter Anleitung, seine ersten Pfeile auf das Mato (Ziel in 28 m Entfernung) schießen.

Danach wird die Schießtechnik schrittweise verbessert, das Taihai (standardisierte Gruppen - Schießform), Entekischießen, das Schießen im Kniestand usw. erlernt.

Es kann mit etwa 1 - 3 Monaten Gummibogen und 3 - 4 Monaten Makiwaraschießen gerechnet werden, bis zum Matoschießen übergegangen wird.

Das Training ist individuell auf den Schüler abgestimmt. Jeder durchläuft seine eigene Entwicklung und muss sich, unter Anleitung, die Technik selbst erarbeiten.

Bei Schüler- und Meisterprüfungen kann man sich eigene Erfolge bestätigen lassen und die eigene Erfahrung mit der anderer Kyujin vergleichen.

Wir raten davon ab, Kyudo allein lernen zu wollen. Die anspruchsvolle Technik kann nur durch ständige Anleitung und Korrektur durch einen erfahrenen Meister fehlerfrei erlernt werden. Zudem besteht ohne Anleitung ein hohes Verletzungsrisiko.

 

 

     6   Kyudo und Zen

 

Viele kennen das Buch „ZEN in der Kunst des Bogenschiessens“ von E Herrigel. Weil der Kyudobogen, eigentlich ein Kriegsbogen (siehe oben), seit diesem Buch oft fälschlicherweise als Zen - Bogen bezeichnet wird, soll hier auch kurz auf die Beziehung Kyudo - Zen eingegangen werden.

Während des Mittelalters wurden, im Zuge der Entwicklung des japanischen höfischen Zeremoniells, verschiedene Kriegs- Kunst- und Alltagstechniken extrem verfeinert und auf das Wesentliche reduziert. Sie konnten so, auch nachdem sie entbehrlich wurden, als Kunst selbständig weiter bestehen. Unter dem Begriff des Do (Weg, auch Kunst) bekannt, sind sie ein Charakteristikum der Japanischen Kultur. Als Beispiel sollen hier nur die Teezeremonie (TschaDo), die Kampfkünste allgemein (BuDo) und speziell auch KyuDo genannt werden.

Durch die vorgegebene „Technik“ im Do, erlernt der Schüler diese, verfeinert sie kontinuierlich und entwickelt sich, durch ständiges Arbeiten an sich selbst, weiter.

Eine ähnliche, aber direktere, Entwicklung gibt es im Zen. Zen - Meister sind sich einig dass Zen nicht definierbar ist. Es kann erfahren und höchstens umschreiben werden. So kann man Zen als eine Übung umschreiben, um die wahre Natur der Dinge (auch des eigenen ich) zu erkennen. Die übliche Zen - Übung ist das „Sitzen“ (Zen - Meister sprechen nur ungern von Meditation) und eines der wichtigsten Prinzipien ist die Achtsamkeit in allem Tun.

Im Kyudo erlernt der Schüler die Schießtechnik und wird versuchen, sie durch stetiges und achtsames Üben weiter zu verfeinern. Ist seine Technik fast zur Perfektion ausgereift (etwa ab dem 5. Meistergrad) braucht er sich nicht mehr auf sie zu konzentrieren und es kann sein, dass sich der (richtig vorbereitete) Schuss in einem Zustand der Losgelöstheit von selbst löst. Herrigel sagte „es schießt“. Durch dieses sich Verlieren im achtsamen Tun (hier die Schießtechnik) beginnt, wie bei anderen Do - Künsten auch, die Zen - Erfahrung.

Inwieweit ein Kyujin diesen Weg einschlagen will, bleibt ihm selbst überlassen. Bis dahin kann er jedenfalls ein „solides Schießhandwerk“ erlernen und sich in einer schönen und abwechslungsreichen sportlichen Tätigkeit üben.

 

 

     7   Wer kann Kyudo lernen und praktizieren ?

 

Kyudo kann von jedem erlernt werden, unabhängig von der Körperkraft und dem Alter. Das Zuggewicht des Bogens wird der Kraft und dem Entwicklungsstand des Schülers angepasst. Viele Kyujin bleiben bis ins hohe Alter aktiv.

Ideal ist es, wenn man bis zum Makiwaraschießen etwas Geduld mitbringt und die Auseinandersetzung mit sich selbst nicht scheut. Bei Anleitung durch den Trainer kann man auch zu hause Üben, da Makiwaraschießen nur wenig Platz beansprucht.

Durch das Üben (aktive Abschusstechnik, siehe oben) wird der ganze Körper symmetrisch trainiert, insbesondere der beim „modernen Zivilisationsmenschen“ am stärksten vernachlässigte Körperteil, der Rücken.

 

 

     8   Kosten und Trainingsmöglichkeiten

 

Durch das schrittweise Erlernen der Schießtechnik steigen auch die Ausgaben nur allmählich, bis man im Besitz einer vollständigen Ausrüstung ist.

Ein „Gummibogen“ kostet ca. 10 €. Nach ca. 2 Monaten braucht der Schüler, für das Makiwaraschießen einen Kyudohanschuh (ab 200 €) und einen Makiwarapfeil (ab 15 €). Einen leichten Anfängerbogen (ca. 10 kg Zuggewicht) stellt meistens der Verein zur Verfügung.

Mit Beginn des Matoschießens, ca. 4 Monate später, benötigt man einen Satz Matopfeile (4 Pfeile ab 100 €). Erst ab diesem Zeitpunkt sollte man einen eigenen Bogen anschaffen. Das Zuggewicht kann später nach Bedarf weiter gesteigert werdend. Bögen für Anfänger kosten ab 250 €.

Ausrüstungsteile sind manchmal auch gebraucht erhältlich. Wie üblich gibt es nach oben kaum Grenzen, jedoch gilt auch im Kyudo:  Zeig mir wie (und nicht womit) du schießt und ich weiß wer du bist.

Für Trainingskleidung (für Fortgeschrittene bei Prüfungen und Lehrgängen) ist mit ca. 150 € zu rechnen. Die Vereinsbeiträge bewegen sich im üblichen Rahmen.

 

 

     9       Literatur

 

Eugen Herrigel       Zen in der Kunst des Bogenschießens

                                 Otto Wilhelm Barth Verlag

Feliks F. Hoff          Kyudo;  Die Kunst des japanischen Bogenschießens

                                 Weinmann   (deutsches Standardwerk für Heki Ryu)

Genshiro Inagaki         Kyudo Nyumon

                                 Tokyo Shoten (vergriffen)

Hideharu Onuma         Kyudo;  The Essence and Practice of Japanese Archery

                                 Kodansha International, Tokyo New York London

                                 (Standardwerk für Shomenstil)

H S Stein                 Die Kunst des Bogenschiessens, Kyudo

                                 Scherz Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildnachweis:         Prof. Inagaki Sensei, fotografiert von einem Schüler